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Osnabrücker Erklärung

Christoph König
Osnabrücker Erklärung zum Potential Europäischer Philologien

Vom 25. bis 28. April 2007 fand an der Universität Osnabrück ein Symposion über ›Das Potential Europäischer Philologien‹ statt: Vertreter von einundzwanzig philologischen Fächern, die sich alle der Sprachen und ihren Literaturen annehmen, reflektierten mit Mitteln der Wissenschaftsgeschichte über ihre Fächer und deren politische Aktualität. An den Beratungen waren Philologien unterschiedlicher Größe beteiligt: Das Spektrum reichte von der Bulgaristik zur Baskologie, von der Literaturwissenschaft zur romanis-tischen Linguistik, von der Anglistik zur Skandinavistik. In einem öffentlichen Vortrag sprach der EU-Kommissar für Mehrsprachigkeit Leonard Orban über die Frage ›Can language diversity help create a European identity?‹ - eine Podiumsdiskussion galt der Zukunft der Philologien und ihrer Sprachen. Das Gelingen des Gesprächs, fachintern und mit dem Vertreter der Europapolitik, bestätigt die An-nahme eines philologischen Kerns der Fächer bzw. einer allen gemeinsamen Problema-tik, und das Gelingen zeigt auch, daß in diesem Kern politisches Potential schlummert. Diesem Potential gilt die folgende Osnabrücker Erklärung.

1. Erkenntnis und Politik. Das Osnabrücker Symposion über ›Das Potential Europäi-scher Philologien‹ (April 2007) legt den Grundstein für ein europäisches Forschernetz-werk der Philologien, das kognitive Anliegen produktiv und eingedenk der Divergenz kultureller wie institutioneller Interessen mit europäischer Forschungs- und Sprachen-politik vermitteln will. In diesem Prozeß sind die großen Kultursprachen ebenso reprä-sentiert wie die regionalen Sprachen.

2. Fachkern und Differenz. Die Philologien in ihrer konkreten Vielfalt vermögen – das zeigte sich eindrucksvoll in Osnabrück – ein gemeinsames thematisches Gespräch zu führen. Darin bestätigt sich die leitende Idee einer ›allgemeinen Philologie‹, die auf der Diversität – im Sinn einer »lichtvollen Erkenntnis der Verschiedenheit« (Wilhelm von Humboldt) - beharrt. Das philologische Gespräch zeichnet sich dadurch aus, daß es je-weils an einen intellektuellen Gegenstand gebunden ist und die Unterschiede, die die Eigenarten der Sprachen, Fächer und Wissenschaftstraditionen schaffen, ›lichtvoll‹ zu überbrücken sucht.

3. Grammatik und Individualität. Den Philologien gemeinsam ist die Aufgabe, Texte zu bewahren und mit den Mitteln von Kritik und Hermeneutik zu verstehen; dabei gilt das Augenmerk der Sprache und ihren Regeln, ebenso dem individuellen Gebrauch, den die Literatur von der Sprache und den in Texten präsenten kulturellen Traditionen macht. Das Verhältnis von Grammatik und Individualität ist die methodisch fruchtbare Span-nung, in der die Philologen stehen. Sie haben es mit Kulturen zu tun, insofern diese auf literarischen Werken aus Sprache beruhen.

4. Kommunikation und Verstehen des Schwierigen. Die linguistisch-literarisch-kulturelle Vielfalt soll zum Kern einer europäischen Identität werden. Diese Identität setzt die Fähigkeit voraus, innerhalb eines selbst heterogenen ökonomisch-politischen Raums sich sprachlich zu verständigen. Eine gemeinsame Kultur gründet auf der kom-munikativen Kompetenz der Sprecher. Sie muß aber auch, wenn es um das Verständnis geht, über sie hinausgehen: Die Philologien werden zum Anwalt der ›Schwierigkeiten‹, die das wechselseitige Verständnis prägen. Sie tragen durch Kritik und Unterschei-dungsvermögen zu einer möglichen Identität bei, die gerade im Unterschiedenen liegen wird. Die Literatur gibt hier den Maßstab vor. Nur in der Anerkennung der Partikularität einer Identität ist der drohende Verlust der Kultursprachen aufzuhalten.

5. Grundkonflikte. Die Philologen haben eine lange Tradition, gerade in der Einsamkeit am Schreibtisch gesellschaftliche Aufgaben wahrzunehmen. Sie gewinnen ihr methodi-sches Profil in der Auseinandersetzung mit ihren öffentlichen Funktionen, die historisch und national jeweils verschieden waren und sind. Die Auseinandersetzung ist innerhalb der Fächer zu führen und betrifft

  • die unterschiedlichen Wissenschaftsbegriffe in Europa (›Literaturkritik‹ vs. ›Forschung‹);
  • Eigenart und Transfer philologischer Paradigmata (national, komparatistisch, allgemein),
  • die in den Fächern ausgetragenen Spannungen zwischen Fremdsprachen- und Muttersprachenphilologie;
  • Fächerhierarchien in den nationalen Wissenschaftskulturen.

Einer Ebene (allgemeiner) Konvergenz steht die Realität der vielen Divergenzen gegen-über, die stets überhandnehmen wollen. Insofern sind die Philologien ihre Geschichte – die wissenschaftsgeschichtliche Methode ist daher der Weg zu einem gemeinsamen Profil der Philologien.

6. Literatur und Philologie. Auf der Interpretation, die den Sinn literarischer Werke zu verstehen sucht, basiert alle philologische Praxis: die Edition, der Kommentar, die Lite-raturgeschichte, die Stil-, Gattungs- und Prosodieforschung. Insofern sich das Verständ-nis auf eine vorgängige Reflexion in der Literatur selbst stützt, steht die Philologie in der Gravitation ihres Gegenstands. Das ›Erkennen des Erkannten‹ (A. W. Boeckh) ist die raison d’être der Interpretation. Die Individualität des literarischen Werks vermag der Philologe zur Sprache zu bringen, wenn er seine philologische Praxis reflektiert und dabei auch institutionelle und normative Einflüsse – in ihrer historischen Tiefe – einbe-zieht. In der Partikularität der Literatur liegt jeweils ihr aktuelles politisches Potential – sie gilt es zu schützen.

7. Linguistik und Philologie. Sprachbeschreibung und Sprachgeschichte sind die unver-zichtbare Basis der Philologie, die auf diese Kernbereiche der Linguistik zurückgreift. Sofern die Philologie Texte und Literaturen aufbewahrt, pflegt und deutet, ist sie aber ihrerseits auch die unabweisbare Basis einer Sprachwissenschaft, die sich der kulturel-len Entfaltung der Sprachen widmet. Insbesondere die Linguistik der europäischen Sprachen bleibt dem großen Text-Erbe Europas verpflichtet, dem sie die Einsicht ver-dankt, daß Sprachen nicht nur Mittel zu praktischer Kommunikation, sondern Organe des Denkens und des künstlerischen Schaffens und Quellen gesellschaftlichen Zusam-menhangs sind. Daher ist gerade eine philologische Linguistik notwendiger Bezugs-punkt einer Politik europäischer Mehrsprachigkeit.

letzte Änderung: 30. Mai 2007, 18:01 Uhr von  |  bearbeiten